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M’illumino d’immenso

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M’illumino d’immenso

 

Non si vede piú
Stefan Münker zur Vernissage von Robert Webers Ausstellung "M'illumino d'immenso"
am 9. Juni 2006 in San Lorenzo in Poppi/Italien

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!
Die Bilder, die uns hier anschauen, und die diesen dunklen, sakralen Raum mit ihrem goldenen Leuchten erfüllen und nach seinem längeren Schlaf zu einem neuen Leben erwecken sollen, tragen Titel, die Robert Weber Gedichten des großen italienischen Poeten Giuseppe Ungaretti entnommen hat. Als wären die Leinwände im Atelier verstreute Notizzettel und die Zitate flüchtige Gedanken, die ohne rasche Niederschrift wieder zu entschwinden drohten, hat der Maler Sätze des Dichters seinen Bildern aufgetragen. Der Gestus der hingeworfenen Worte wiederholt noch einmal den Gestus, mit dem zuvor im Akt des Malens die Farben auf den goldenen Grund - und das Gold damit erst wirklich zum Leuchten gekommen ist. Dabei steht der expressive Auftrag der Farbflecken und Farbflächen mit ihren verlaufenden und ausfransenden Rändern im Gegensatz zur geometrischen Akribie, in der die goldene Fläche die Bilder grundiert.
Und um Gegensätze geht es auch - sowohl bei Weber als auch bei Ungaretti: "Non si vede piú" steht auf einem der Bilder: Man sieht nicht mehr. Und das ist ebenso wahr wie absurd - absurd, weil wir natürlich immer noch sehen, was wir sehen; und wahr, weil wir eben nicht mehr sehen, als wir sehen. Was es darüber hinaus noch zu sehen gäbe, aber sehen wir eben nicht. Nicht einverstanden zu sein mit einer solchen Beschränkung, sich nicht zufrieden zu geben mit den Grenzen unserer Möglichkeiten aber ist nicht nur das Recht, sondern die Pflicht aller Kunst, die diesen Namen verdient: Und so geht es in der Dichtung immer um die Anstrengung, Dinge zu sagen, die man nicht sagen kann - und in der Malerei um den Versuch, Dinge zu zeigen, die man nicht sehen kann. "[V]om Nichtausdrückbaren Zeugnis abzulegen" - das ist, so der französische Philosoph Jean François Lyotard, die "grundlegende Aufgabe" der Kunst.
In Ungarettis Gedicht ist die Unmöglichkeit, zu sehen, Resultat einer Überwältigung; einer Überwältigung durch die schiere Strahlkraft der Sonne. "Die Sonne überwältigt die Stadt/Man sieht nicht mehr" - "Il sole rapisce la cittá/Non si vede piú", so heißt es bei Ungaretti. Und: "Mi sento la febbre/di questa/piena di luce" - "Fieber habe ich/von dieser/Überfülle des Lichts", so beginnt ein späteres Gedicht Ungarettis, das ein anderes Bild hier zitiert: Und das wiederum sieht man - weil die Sehnsucht, über das Sichtbare hinauszugelangen, auch uns als Betrachter der Bilder durch ihr eigenes Strahlen erreicht.
Die Fähigkeit, angesichts der Überwältigung der Sinne durch wahrnehmungssprengende Erfahrungen von Größe, Unendlichkeit, Fülle nicht inne zu halten, sondern kreativ zu werden - und den Schock der Überwältigung zum Initial des künstlerischen Prozesses umzudeuten, kennzeichnet die ästhetische Figur des Erhabenen, die trefflich wie keine andere Kategorie die Bilder von Robert Weber beschreibt. Und so wie das Bild, das den Schriftzug "Mi vedo/abbandonato nell'infinito" - "Ich sehe mich/verloren im Unendlichen" diesen Satz durch seine reine Präsenz, dadurch, dass es da ist (und eben nicht: verloren) widerlegt, so fasst der Titel der Ausstellung, der in Gänze das kürzeste Gedicht Ungarettis zitiert, zusammen, wovon ihre Exponate zeugen.

 

"M'illumino d'immenso."

 

 

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