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Senza misura

Senza Misura - Ohne Takt

Senza Misura - DER FLÜCHTIGE RAUM DER BILDER

M’illumino d’immenso

EXVOTO




Senza Misura

 

Ausstellung von McLovla und Robert Weber in der Kunsthalle Luckenwalde vom 09. Juli - 03. September 2006.
Auszüge aus der Einführung von Dr.Annette Spohn
Senza Misura - Ohne Takt

 

"Das Unendliche ist ein Quadrat ohne Ecken."
Alte chinesische Weisheit

 

Dem Quadrat wohnt immer ein Zauber und ein Geheimnis inne, das in der Kombination von Einfachheit und Perfektion liegt. Dies machen sich McLovla und Robert Weber zu Nutze und setzen in den mehr als 200 Werken dem ruhigen, begrenzten, klar definiertem Bildraum zumeist dynamische Motive vorbei fliegender Landschaften oder Gesten entgegen. In korrespondierenden Farbklängen einzelner Reihen erscheinen fotografierte Landschaftsmotive abstrakt und umgekehrt werden mit gemalten, rein gestischen, Abstraktionen Assoziationen zu Landschaften geweckt.

Die ungewöhnliche Hängung, die für die Ausstellungsfläche in der Kunsthalle Luckenwalde gewählt wurde, spielt mit eben diesen Korrespondenzen und fordert den Betrachter direkt auf, den Gemeinsamkeiten hinter den unterschiedlichen Bildoberflächen nachzuspüren. Einige Entsprechungen werden in der Horizontalen, der Vertikalen und auch der Diagonalen durch die Hängung antizipiert - andere bleiben auch raumübergreifend dem Gespür der Betrachter überantwortet.

Die Werke McLovlas und Robert Webers hängen nun so, als folgten sie einer bislang unerhörten Melodie; sie gliedern den Raum wie Töne die Stille. Sie setzen Akzente durch Leere, wie Pausen, die als wesentlicher Teil von Musik empfunden werden. So wie der Blick der Betrachter entlang der quadratischen Bilderreihen wandert, so folgt auch das Ohr den akustischen Bewegungen der einzelnen Melodieverläufe.
Die Bewegung der Melodie korrespondiert dabei mit der Platzierung der Bilder. Diese wiederum referieren das unterlegte Klangband mit dem einheitlichen Format und stellen in den unterschiedlichen Techniken fixierte Bewegungen zur Schau. Es entstehen Fenster, an denen Wirklichkeit vorbeizieht und die so eine innere Landschaft
offenbaren.


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Aus Material zur Ausstellung von Michael Busch, Filmemacher
Senza Misura - DER FLÜCHTIGE RAUM DER BILDER

Eine Partitur ist eine Gestaltung von Zeit mit Ereignissen und den Pausen dazwischen, die die Ereignisse zum Leuchten bringen. Hier, in diesem Raum, der Landschaft der Bilder McLovlas und Robert Webers oszilliert diese Partitur zwischen der Flüchtigkeit einer Spur und dem Vertiefen in den Inhalt der Einzelwerke.
Im Folgenden will ich mich assoziativ dieser Bildnisse annähern, Querverbindungen zu dem schaffen, was in diese Bilder eingeschrieben ist, dem Element des Flüchtigen, der Spur, des Fragments, Bedeutung, eingeschlossen wie im Bernstein, kristallisiert, in sich selbst ruhend als Erinnerungsträger, als materialisiertes Gedächtnis.

 

ZUGFENSTER
Am Ende des Films Wolfzeit von Michael Haneke entlässt eine minutenlange Einstellung aus einem Eisenbahnfenster die Zuschauer aus dem mystisch imaginären Grenzland des Films in eine europäische Wald und Wiesenlandschaft, bei deren Anblick nach einiger Zeit auffällt, daß da keine menschlichen Spuren darin zu finden sind. Keine Siedlungen, Strassen, Wege, Überlandstromleitungen sind zu sehen - jedenfalls in meiner Erinnerung an den Film nicht - es ist der Ausblick auf eine flüchtige Landschaft, die parallel zu einem dahinhuscht, vorbeigezogen wird, wenn man sich vorstellt, für einen Augenblick, das Zugfenster ist statisch, steht still und das Draussen bewegt sich dazu.

 

Die Bewegung, der rasende Stillstand, verläuft in einer Art Parallelwelt, vor dem Fenster, vor die Netzhaut gespannt wie eine Rück- Projektions-Leinwand, auf die die durchfahrene Landschaft projiziert wird. Eine solche Durchfahrung findet ihren Niederschlag in dem Bemühen, diese Landschaft, diese Leinwand anzuhalten, der Flüchtigkeit einen Ort, eine Heimat im Bilde zu geben.

 

BLINZELN
"Kunst braucht Diffusion. Shakespeares Bilder sind geräumiger als Brechts, weil sie weniger genau sind. Wenn man weniger sieht, beschreibt man mehr. Wenn Robert Wilson seine Arbeit erklärt, kommt er immer wieder auf das Blinzeln zu sprechen. Was sieht man während des Blinzelns? Das Blinzeln gibt stets ein anderes Bild von Welt, von Wirklichkeit. Dieses Bild wird immer vergessen. Es wird weggesehen"
Heiner Müller im Gespräch mit Frank Raddatz in Lettre International, Ausgabe März 1994

 

"Kunst braucht Diffusion", behauptete einst Heiner Müller. Je ungenauer die Bilder in der Beschreibung seien, desto räumlicher werden sie. Nach dem Motto "Wenn man weniger sieht, beschreibt man mehr" verschiebt sich die Lesbarkeit eines Bildes vom Sichtbaren ins Unsichtbare.
(Ein Bild braucht einen Spezialisten, der es lesen kann)
Die Geschwindigkeit gibt das Verschwinden vor, am Rande der Autobahn, im Niemandsland zerfällt der vorbeischwebende Blick mit dem BLINZELN in einzelne Splitter, zersplittert die Landschaft, die vorher einem Gummiband ähnelte.
Mit diesen Splittern betritt man einen Zwischenraum, die Welt, in der der "Bruch der Gefäße" stattfand, die sich daran gleichsam als an ihr eigenen Trauma, nicht erinnert, eine Welt in Bewegung, Unschärfetheorien absobierend, eine Welt, die in der Bewegung von der Statika träumt. Eine träumende Landschaft, dei vorbeifließt, ein träger Strom, zusammengehalten durch die Bilder, die ineinanderschmieren, Bewegung suggerierend.

Eine Landschaft ist wie ein Bildnis immer auch als imaginierter Ort zu denken, ein Gefäß zur Aufbewahrung der eigenen Projektionen.
In sich selbst ruhend, indem sie die Geschwindigkeit als Flüchtigkeit antizipiert, eine Landschaft vielleicht, die wegdriftet, die immer weniger fassbar wird in ihren einzelnen Komponenten WALD FELD INDUSTRIEGEBIET.

Eine Landschaft, die Spuren hinterlässt, nicht nur die Spuren, die in sie eingegraben sind durch die menschliche Zivilisation, Spuren auch, Bewegungsspuren, die dem Bewegungsschreiber unterlaufen.

 


AUTOFAHRT
"Wir fuhren ab und wurden einen Augenblick noch von den kleinen Häusern begleitet, die mitsamt ihrem Blumenschmuck an den Weg geeilt kamen. Das Antlitz der Gegend schien uns ganz verändert, da in dem topografischen Bild, das wir uns von den einzelnen Orten machen, der Raumbegriff bei weitem nicht die größte Rolle spielt. Wir haben gesagt, daß der Begriff der Zeit sie weiter auseinanderrückt, aber er ist nicht der einzige. Gewisse Orte, die wir immer isoliert sehen, scheinen keinem gemeinsamen Maß mit den übrigen zu unterstehen, sondern fast außerhalb der Welt zu existieren wie Menschen, die wir in ganz in sich abgeschlossenen Perioden unseres Lebens gekannt haben,(...)
(…) Dem Automobil jedoch hält kein Geheimnis stand. (…)Beaumont verlor, "plötzlich mit Orten verknüpft, von denen ich es so verschieden geglaubt, sein Geheimnis und erhielt seinen Platz innerhalb der Region, in der es lag, wobei ich mir mit Schrecken vorstellte daß Madame Bovary und die Sanseverina mir vielleicht als Wesen wie alle übrigen auch erscheinen wären, wenn ich sie anderswo als in der abgeschlossenen Atmosphäre eines Romans angetroffen hätte."
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7, Sodom und Gomorra 2
Suhrkamp, S 2586

 

SPUREN
Wir leben in einer Welt, in der nicht zuletzt durch technische Reproduktion eine Unmenge SPUREN vergangener Ereignisse sich angesammelt haben, die unseren Alltag begleiten, materielle, auch: Virtuelle Spuren
SPUR definiert als das, was abfällt, zurückbleibt, ungenießbar ist, vielleicht, unkonsumierbar,d.h. unsere Welt ist voll von Spuren aller Art, die für uns wie Abfall anmuten.
Die Spur führt zurück zur Geschichte.
Was bleibt von einem Ereignis bestehen, wenn seine Zeitdauer abgelaufen ist?
Eine Er-Innerung im Gedächtnis

Über den Begriff der Spur versucht Derrida (in seinem Vortrag:
"Freud und der Schauplatz der Schrift" am Institut für Psychoanalyse aus dem Jahr 1966)
anhand Sigmund Freuds Untersuchungen eine Analogie zwischen GEDÄCHTNIS und SCHRIFT herzustellen:
Ausgangspunkt ist die These:
"Von den Wahrnehmungen, die an uns herankommen, verbleibt in unserem psychischen Apparat ein Spur, die wir ´Erinnerungsspur`heißen können"
(Freud, Wunderblock)

Derrida übersetzt die Erinnerungsspur mit "Umschrift":
"Es gibt keinen präsenten Text im allgemeinen und selbst keinen gegenwärtig vergangenen Text; ein vergangener Text, der gegenwärtig gewesen wäre. (...) Der unbewußte Text ist schon aus reinen Spuren und Differenzen gewoben, in denen Sinn und Kraft sich vereinen; ein nirgendwo präsenter Text, der aus Archiven gebildet ist, die immer schon Umschriften sind. Alles fängt mit der Reproduktion an."

 

ENDE
Dies sind nun einige Assoziationsräume zu den hier ausgestellten Bildern. Sie beziehen sich auf die Bildinhalte, die Hängung -das Blinzeln der Abstand/ die Pause in der Partitur- und das Spurhafte, die Bahnung, die Erinnerungsarbeit, die in ihnen geleistet wird.
In der Vereinzelung und Konservierung flüchtiger Momente ist die Flucht selbst mit eingeschrieben, die Flucht aus der Wolfszeit, die Asche des Ausgeprochenen, Erinnerten.
Die Zeit nimmt sich Raum -die Bilder Wucherungen der Zeit - erschafft so eine Fülle von Spuren, die nun in die BILDER eingedrungen sind als Ladung, als unerklärter Rest, als Relikt.
Und werden Musik….

© Michael Busch 2006 info@luxusberlin.de www.siebenhimmel-film.de

 

 

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